Models, die an Seilen von der Decke hängen, fulminante Bühnenaufbauten und Dschungellandschaften mit Einhörnern: wenn man akzeptiert, dass das alles vielleicht erst mal nicht im heimischen Fotostudio fotografiert werden soll, dann kann man einiges in den eigenen vier Wänden erreichen. Nicht nur weil Einhörner selten geworden sind.

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Das Heimstudio – Platz ist in der kleinsten Hütte“

  1. Baustrahler und Backpapier
  2. Platz ist in der kleinsten Hütte
  3. Portraits mit wenig Aufwand
  4. Das eigene Heimstudio

In den vergangenen Artikeln meiner kleinen Serie habe ich Euch aufgezeigt, wie man mit einfachen Mitteln, wenig Kohle und geringem Platzbedarf wundervolle Portraits in der eigenen Hütte zaubern kann. Eine freie Wand, etwas billige Pappe für den Hintergrund, ein Stativ mit einem Blitz, dazu ein preiswerter Lichtformer: mehr braucht es nicht für ausdrucksstarke und kreative Portraits. Aber klar, mehr geht immer!

Ein Heimstudio.

Ich geb’s ja zu: irgendwann war mir das ständige Umgeräume meines Wohnzimmers doch etwas zu lästig. Nicht zuletzt weil ich immer häufiger und „ungeplanter“ fotografierte (dazu demnächst mehr). Wer mich kennt, weiss das ich zur Bewegungsarmut neige. Man könnte auch sagen, das ich geradezu bequem bin. Eine permanente(re) Lösung musste also her. Auch mein Frau würde es mir danken.

Also wanderte ich mal wieder ruhelos und sinnfreies Zeug brabbelnd durch unser Reihenhaus, auf der Suche nach einer dauerhafteren Lösung. Das Studium unseres Jüngsten kam da gerade richtig. Er lebte jetzt in London, sein Zimmer stand leer und war als Gästezimmer hergerichtet.

Das Gästezimmer.

Nach einer kurzen und heftigen Verhandlung mit meiner Liebsten (die ja bekanntlich die beste Frau der Welt™ ist und vermutlich schon längst auf meinen Vorstoß gewartet hat), wurden wir uns einig. Irgendwie. Ich darf den als Gästezimmer (wenig) genutzten Raum zum Fotostudio umgestalten. Allerdings unter der Prämisse, das ich das Zimmer jederzeit, und mit geringem Aufwand, wieder für Gäste bereitstellen kann. Hinzu kommt, das mein Vermieter dem Bohren von großen Löchern in den Wänden nicht sonderlich zugetan ist. Challenge accepted.

Damit waren schnell die wesentlichen Parameter für mein Heimstudio abgesteckt:

  • Verfügbare Fläche von 3 Metern in der Länge und 3,50 Meter in der Tiefe.
  • Keine permanenten Installationen an der Decke oder den Wänden.
  • Wände und Tapeten müssen original bleiben (Rauhfaser, wie toll!).
  • Alle Einbauten müssen mobil und leicht zu entfernen sein.
  • Ich brauchte eine alternative Möblierung für den Modus „Gästezimmer“.
Das (ungenutzte) Gästezimmer. Dann mal los.

Herausforderungen.

Mit gut drei mal drei Metern ist man schon besser dran als in einer kleinen Ecke im Wohnzimmer oder im Flur, sieht sich aber mit einigen Herausforderungen konfrontiert. Ich brauchte ein paar kreative Lösungen für meine üppigen 9 Quadratmeter.

Platz kostet.

Platz ist kostbar. Bitcoins und Gold sind Grabbelware dagegen. Jeder Zentimeter zählt. Jeder! Aus meinen vorherigen Artikeln wisst ihr, das zwei Meter in der Tiefe schon okay sind, wenn man aber drei Meter kriegen kann, ist das besser. Ich entschied mich also die „lange“ Seite meines Raumes für die Tiefe zu nehmen.

Dreimeterfünfzig. Ist nicht viel, aber doch schon eine Menge. Mein Problem nur: davon geht jetzt was von der Tiefe ab. Und diese „Platzverschwendung“ wollte ich so gering wie möglich halten. Und das hat mich doch einiges gekostet. Geld und Nerven.

Planung

Wenig Platz, noch weniger Geld: da kann man nicht aus dem Vollen schöpfen. Also startete ich wieder meine 3D Fotostudio-Simulation set.a.light 3D und begann mit der Raumplanung. Denn das geht damit auch erstaunlich gut. Nicht das ich jetzt ein begnadeter Innenarchitekt oder so wäre. Also eher nicht.

Die finale Planung. Ein Abenteuer. Aber es hat sich gelohnt!

Für die Planung, Dokumentation und die Location-Bilder habe ich die Simulationssoftware für Fotografen und Filmemacher, set.a.light3D von elixxier Software verwendet. Wie man unschwer an der Simulation und den finalen echten Fotos erkennen kann, ist die Software sehr akkurat in der Simulation.

Das Hintergrundsystem.

Wenn schon kein Profifotograf, so sollte das Studio wenigstens gut aussehen. Also brauchte ich ein neues Hintergrundsystem. Ich wollte natürlich professionellen Fotokarton von der Rolle aufhängen. Diese Rollen haben eine handelsübliche Breite von 272cm (es gibt noch andere, nicht so verbreitete Formate). Und damit könnte das schon mal passen. Theoretisch. 14cm sollten noch links und rechts bleiben. Knapp. Viel zu knapp. Also richtig knapp.

Die Konstruktion für die Rollenmontage braucht nämlich auch noch Platz. Ihr erinnert Euch, das ich keine Löcher bohren darf? Also brauche ich ein Stativsystem. Die preiswerteren mobilen Stativsysteme, wie ich sie auch im Wohnzimmerstudio verwendet habe, basieren auf Dreibeinstative und Querstangen. Für einen stabilen Stand muss ich die Standbeine voll ausfahren, damit rückte das Stativ gut 40cm von der Wand weg. Das ist fast ein halber Meter meines kostbaren Platzes! Niemals. Abgelehnt!

Platzbedarf Autopol (hinten links) vs. Dreibeinstativ (Beispiel)

Die Lösung fand ich durch Zufall in einem Schulungsvideo von Lindsay Adler: sie verwendet Klemmstative, welche zwischen Boden und Decke gespannt werden. Nach ein wenig Google-Recherche und herumfragen lernte ich das diese Teile „Autopole“ heissen und je nach Hersteller echt gutes Geld kosten können. Zwischen 60€ und 280€ pro Stück werden aufgerufen – abhängig von der maximalen Deckenhöhe und Rohrdicke. Aber hey: die Teile konnte ich direkt vor die Wand stellen, so „verlor“ ich nur 10cm! Wenn nur da nicht noch die Rollenhalterungen mit den seitlichen Kettenantrieben wären.

Zwei Rollen wollte ich ja schon aufhängen und dauerhaft im Zugriff haben. Wand- und Deckenhalterungen gibt es für bis 10 Rollen, meistens hängen die Rollen aber „hintereinander“, was a) wieder auf die Tiefe geht und b) ich ja keine Löcher bohren darf. Zum Haare raufen! Bei Amazon wurde ich dann fündig: es gibt für Autopole und andere Stative Montagehaken für Hintergrundrollen. Für ein bis vier Rollen. UNTEREINANDER. Heureka. Das war meine Lösung! Ich bestellte für 40€ einen Satz für zwei Hintergrundrollen. Die mitgelieferten billigen Plastikketten haben immerhin zwei Jahre gehalten.

Damit war mein Problem der verfügbaren Breite noch nicht ganz gelöst. Im Gegenteil. Es hat sich noch verschärft: mittlerweile habe ich ein wenig experimentiert und festgestellt das die weissen Wände einfach zu nah am Model sind. Das Streulicht musste bekämpft werden.

Weg die Wand!

Wenn man sich erst mal an das „um die Ecke denken“ gewöhnt hat, findet man schnell Lösungen. Gegen das Streulicht wollte ich schwarze Vorhänge an die Wände bringen. Dazu besorgte ich für die beiden seitlichen Wände je zwei Deckenstützen aus dem Baumarkt, eine in der Länge verstellbare Gardinenstange, zwei Halterungen dafür und billige schwarze transparente Vorhänge von Ikea. Das ganze hat keine 40€ gekostet, reduziert zuverlässig Streulicht und ist noch mobil. Das Kostet mich allerdings noch mal jeweils gut 10cm in der Breite. Von den 14cm, die ich eigentlich übrig hatte, fehlten mir jetzt auf einmal 10cm für das Hintergrundsystem links und rechts. Okay, das schauen wir uns später noch mal genauer an. Einen Tot muss man sterben.

Schwarze transparente Vorhänge und preiswerte Deckenstützen dienen als Abschatter.

Der Umbau.

Nachdem ich alle Teile bestellt habe, fast alles wurde über Amazon beschafft, ging es an einem Samstag Morgen los. Ich wollte vor allem auch gleich ein Gefühl dafür bekommen, wie lange ich für den Auf- und Abbau brauchen würde.

Zuerst wurden alle Möbel entfernt, das Bett und der alte Teppich waren schon dem Sperrmüll versprochen worden, hier brauchte ich wenig Sorgfalt walten zu lassen. Als nächstes wurde die alte Lampe wurde gegen eine sehr flache LED-Deckenleuchte ausgetauscht, die mir hoffentlich nicht im Weg ist (Spoiler: nein, ist sie nicht).

Dann wurden die Abschatter an den Wänden aufgebaut. In weniger als 10 Minuten waren Gardinenstange und Deckenstützen verbunden und aufgebaut. Jetzt konnte ich die finale Breite für das Hintergrundsystem ausmessen und stellte fest das die von mir benötigten 280cm in der Breite zur Verfügung standen. Ich konnte also meine Hintergrundkartonrollen auf die gewünschten 240cm einkürzen. Abgemessen, abgeklebt, abgesägt. Fertsch.

Das fertig eingerichtete Heimstudio.

Balanceakt.

Der Aufbau des Hintergrundsystems war etwas tricky. Vor allem wenn man alleine ist und nur zwei Hände hat. Ein Krake wäre hier klar im Vorteil gewesen. Man steckt also die Halterungen in die Rollen, misst die Breite, die Abstände zur Seite und zur Wand, zeichnet auf dem Boden ein wo die Autopole verklemmt werden sollen, klemmt die Teile fest, klettert auf die Leiter, balanciert die schweren Rollen in die Halterungen, klettert fluchend herunter, misst erneut, klemmt die Autopole noch mal … eine halbe Stunde später hingen auch die Rollen dann gerade. Sicherheitshalber habe ich die Positionen der Autopole mit Edding, Klebefolie, GPS und Fotodokumentation markiert.

Für meine Stoffhintergründe habe ich dann noch zwei zusätzliche Haken und eine Querstange montiert. Die Stange hatte ich noch in meinem Fundus, extra anschaffen würde ich sie nicht, da eigentlich immer ein freies Stativ herumsteht.

Alles noch mal, echt jetzt?

Nachdem ich so stolz auf mein Hintergrundsystem schaue und breit grinsend die Kartons über die Transportketten auf- und abrolle, stelle ich fest das ich meinen PVC Auslegeboden vergessen habe. Mist. Kacke. Mistkacke.

Mir blieben zwei Optionen: ich rolle den PVC-Boden vor die Autopole auf dem Boden aus, damit liegt das PVC aber nicht direkt an der Wand an. Oder ich baue wieder alles ab, rolle den PVC Boden aus, und baue wieder alles auf dem PVC wieder auf. Ist schon Zeit für ein Bier? Ich hab übrigens alles wieder abgebaut. Genug Übung hatte ich ja mittlerweile.

Und wieder zurück.

Der Vollständigkeit halber greife ich kurz vorweg: für den „Gästezimmermodus“ habe ich zwei hochwertige aufblasbare Betten beschafft. Diese lassen sich schön verstauen und sind über die eingebauten Pumpen im Nu aufgeblasen.

Der Auf- und Abbau des Studios kostet mich im Schnitt jeweils eine halbe Stunde, wobei das Meiste in den Schränken verschwindet. Nur die Autopole und die Hintergrundrollen werden in der Garage verstaut.

Heimstudio und „Gästezimmer-Modus“

Und was sonst noch?

Grundsätzlich kann man jetzt loslegen. Nichts spricht dagegen. Wer aber noch in der Findungsphase ist und vielleicht das ein oder andere an Ausrüstung braucht, soll hier noch kurz ein paar Gedanken finden:

  • Es ist trotz allem eng. Tut alles was möglich ist, um Unfallgefahren zu vermeiden!
  • Ich habe alle meine Studio-Blitze auf Batteriebetrieb umgestellt. Godox AD600, AD200 und TT600. Keine Kabel, keine Stolperfallen!
  • Gleiches gilt für meine LED Dauerlichter (die leider zu selten im Einsatz sind)
  • Stabile Lampenstative sind ein MUSS. Wer etwas mehr Budget zur Verfügung hat, sollte zu möglichst zu sogenannte C-Stands greifen. Preiswerte und zuverlässige Alternativen gibt es von Neewer. C-Stands sind massiv und schwer, haben eine spezielle Fußkonstruktion (die „Turtle“), mit denen man auch schwerere Blitze oder größere Reflektoren und Abschatter sicher bis nah an die Wand stellen kann. Mit einem Boom-Arm und einem Gegengewicht lassen sich auch sicher „über Kopf“ Setups bauen.
  • Große Schirme machen tolles weiches Licht. Leider haben diese Schirme auch lange Metallstangen, die ins Set ragen können. Klebt Schaumstoffecken und Tischtennisbälle auf diese Metallstangen. Das reduziert die Verletztungsgefahr.
  • Praxistipp: kauft keine zu starken Blitze! Die meisten preiswerten Chinabomber haben ordentlich Leistung (mehr als 400WS), lassen sich aber meist nicht fein genug regeln. Weniger ist mehr! Oft reichen kräftige Aufstecker mit guten Akkus. Bei den Studioblitzen tut es ein guter 100WS oder 200WS Blitz für den Anfang. Ihr könnt immer noch mit den ISO hochgehen, aber Licht wegnehmen ist ungleich schwerer.

Was geht?

Kommen wir zur spannenden Frage: Was geht alles auf so wenig Platz? Nun: es ist mehr Platz als man denken mag! Ursprünglich habe ich mein Heimstudio als Portraitstudio geplant. Mittlerweile weiss ich, das – mit etwas Trickserei – sogar Ganzkörperaufnahmen und liegende Positionen möglich sind. Auch aufwendigere Sets mit einzelnen Möbelstücken lassen sich mit geschickter Planung bauen.

Hier noch einige Beispiele von etwas komplexeren Setups (regelmäßige Leser erinnern sich noch an Mandy). Jeweils links seht ihr die Planung mit set.a.light 3D und rechts das finale Foto aus dem Studio:

„Split“
„Subtle Red Portrait“
„Wine And Chill“

Hintergrund tut gut

Bei Amazon und im asiatischen Fotofachhandel finden sich allerlei preiswerte bis billige gedruckte Hintergründe. Ich hab mir einfach mal für wenig Geld einige bestellt und ausprobiert. Und ich muss sagen: man kann, wenn man sich ein wenig damit befasst, durchaus spannende Sachen machen. Wichtig ist mit dem Licht im Studio den Schattenfall im Druck zu folgen! Ansonsten merkt man schnell das der Hintergrund nicht echt ist.

Ein wirklich billiger Druck einer Bücherwand. Aber man kann damit arbeiten!

Was kann gehen?

Ich habe noch ein paar Beispiel-Simulationen von möglichen Sets. Man erkennt schnell das einiges möglich ist. Selbst Ganzkörperaufnahmen stellen kein Problem dar wenn man sich an kürzere Brennweiten herantraut und entsprechend fotografiert (gerade Winkel, Modell mittig platzieren, soviel Abstand wie möglich einhalten)

Das Model in den obigen Beispielen ist 179cm groß. Für mein kleines Heimstudio ist das schon hart an der Grenze des Möglichen wenn das Model noch hohe Schuhe trägt. In den einigen Fällen muss ich im Photoshop mit ein wenig Aufwand noch oben die Rollen oder links und rechts ein wenig die Wand retuschieren.

Hinter den Kulissen

Wenn man auf so beengtem Raum fotografiert, sollte man sich schon „grün“ sein. Dann hat man am Ende sehr viel Spaß beim fotografieren. Und natürlich auch zwischendurch 🙃.