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Hat der Spiegelkasten ausgedient?

Hat der Spiegelkasten ausgedient?

Angeregt durch eine mehr oder weniger sinnlose Diskussion in einem Fotoforum (welche am Ende dann doch wieder zu einem Canon/Nikon-Bashing ausuferte) kam ich so in Gedanken auf die Frage, ob der “Spiegelkasten” überhaupt noch zeitgemäß ist. Hat der optische Sucher ausgedient? Hat gar die Spiegelreflex ausgedient?

Um es vorweg zu nehmen: ich habe mit analogen Sucherkameras, Spiegelreflexkameras und nicht zuletzt jetzt mit spiegellosen Systemkameras fotografiert, verstehe also sehr wohl die Unterschiede der Systeme. Ich verstehe auch das professionelle Anwender (Berufsfotografen und ambitionierte Amateure) ganz andere Anforderungen haben als ich Hobby-Knippser.

Aber stellen wir uns mal kurz die Frage:

Brauchen wir eigentlich noch einen optischen Sucher?

Wenn eine Kamera über keinen Sucher verfügt, kann der Fotograf kein Bild planen und keine Komposition aufbauen. Welche Alternativen haben wir also?

Da ist zum einen die Live View-Anzeige auf dem Display auf der Kamerarückseite, welche mittlerweile jeder Kamerahersteller in so gut wie jedem Modell eingebaut hat. Das sieht teilweise albern aus wenn man dann mit der Kamera am ausgestreckten Arm das Bild aufnimmt. Aber wollen wir auch gleich den positiven Effekt betonen: bei schwierigen Kamerapositionen, z.B. sehr tief oder sehr hoch, ist so ein schwenkbares Display schon sehr praktisch und auch bei Stilleben und anderen Stativarbeiten wird die Komposition vereinfacht.

Bei der nächsten Alternative, dem elektronischen Sucher (ELV, Electronic Viewfinder), wird die Sache schon haarig. Die eifrigen Verfechter des optischen Sucher (und somit der DSLR) führen immer wieder an, das diese Sucher einfach nicht hoch genug auflösen um eine realistische Darstellung zu erreichen. Das war früher mal so, aber heute lösen diese kleinen Bildschirme 2.4 Megapixel oder mehr auf und das menschliche Auge ist bei diesem Betrachtungsabstand gar nicht mehr in der Lage, einzelne Pixel zu unterscheiden.

Leica und Sony machen es vor: dort ist in den Vollformat-Flagschiffen bereits ein elektronischer Sucher verbaut und Olympus hat mit der OM-D Generation, welche die E-Serie abgelöst hat, ebenfalls konsequent auf elektronische Sucher gesetzt.

Was mich so für die elektronischen Sucher (und Displays) einnimmt, sind die praktischen Vorteile und der echte Mehrwert:

  • Ich kann mir Live Informationen direkt in den Sucher einblenden lassen, z.B. Warnungen zur Unter- und Überbelichtung, Live-Histogramm, sogar eine Wasserwaage ist mit drin.
  • Meine Kamera ist so konfiguriert, das sie mir das gerade geschossene Foto für eine Sekunde direkt im Sucher anzeigt. Ich muss nicht mehr “chimpen” (also die Kamera vom Auge nehmen um die Aufnahme zu kontrollieren) und habe sofort Feedback ob die Aufnahme was geworden ist, ob mein Modell die Augen offen hatte oder ob die Komposition stimmt. Ganz ohne Unterbrechung meines Flows.
  • Der elektronische Sucher kann mir exakt anzeigen, welches Bild ich mit den eingestellten Parametern machen werde: Belichtungskorrektur, Tiefenschärfe etc. werden mir in Echtzeit angezeigt. Bei manuellem Fokus bieten mir moderne Kameras “Fokus Peaking” an, eine Funktion mit der die fokussierten Objekte durch Kantenhervorhebung markiert werden. Auch sehr praktisch wenn man eine voll manuelle Linse vor die Kamera schraubt.
  • Im Gegensatz zum optischen Sucher kann die Kamera beim elektronischen Sucher das Bild verstärken. Damit habe ich die Möglichkeit auch bei schwierigen Lichtsituationen noch zu arbeiten. Mit dem optischen Sucher kann ich nur mit dem Licht arbeiten, welches durch die Offenblende reinkommt.
  • Ein weiteres praktisches Feature, welches ich nicht mehr missen möchte: neben der Abblendtaste hat meine Oly eine Taste um das Sucherbild zweifach zu vergrößern („Sucherlupe“). Gerade bei Offenblende kann ich so noch einfacher den Schärfepunkt bestimmen.

Sicher, ein Profi braucht das alles nicht. Der “zielt” nur durch den Sucher, weil er ja durch seine Erfahrung “weiss” wie die Aufnahme werden wird. Und er kann ja immer noch chimpen und neu schiessen, aber ich denke das Leica, Sony, Olympus, Fuji und Co es richtig machen: der optische Sucher hat sich überholt, der Spiegelkasten wird nicht mehr gebraucht.

Meine These: der Spiegelkasten ist bald Geschichte!

Mich interessiert natürlich Eure Meinung dazu.

 

(Beitragsfoto: Quelle Praktica)

About The Author

Heiko

BüroAmMeer. Fotografiert gern. Produktmanager, Projektleiter, Softwareentwickler und Game Designer, je nach Tageszeit, Erfordernis, Lust und Laune. Auswanderer, Roadsterliebhaber.

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